Salonkultur - Der Literarische Salon - Berlin

Litrarische Salonkultur

Vorankündigung

Donnerstag, 21. Juli 2016 um 20.30 Uhr
in der Z-BAR

Lesung mit Gespräch

Heimkinder in Ost und West – Rabenliebe & Kieselweg: Peter Wawerzinek und Manfred Niepel in Lesung & Gespräch

Peter Wawerzinek, geboren 1954 in Rostock, aufgewachsen in Kinderheimen der DDR, liest aus seinem preisgekrönten Roman „Rabenliebe“. Manfred Niepel, geboren 1955 bei Heidelberg, aufgewachsen in Kinderheimen der BRD, liest aus seinem Roman-Manuskript „Kieselweg“.


Bild: © Britta Gansebohm
„Erst vor rund einem Jahrzehnt wurden die schwierigen und zum Teil menschenunwürdigen Lebensbedingungen vieler Heimkinder öffentlich bekannt. Im Februar 2009 konstituierte sich auf Empfehlung des Deutschen Bundestags der "Runde Tisch Heimerziehung", an dem Vertreter der Politik, der Kirchen, der öffentlichen Träger und der ehemaligen Heimkinder Platz nahmen.“
Deutschlandfunk/ 3.07. 2014

Unzählige Heimkinder wurden in den frühen Jahren der Bundesrepublik sowie in der DDR gedemütigt, geprügelt, misshandelt, ausgebeutet und missbraucht.

Heimkinder in Ost und West waren „im beschriebenen Zeitraum den Erziehern total ausgeliefert, der Alltag extrem reglementiert, die eingesetzten Erzieher gingen in der Regel lieblos mit den Kindern um. Drakonische Bestrafungsaktionen, Schläge und auch sexuelle Übergriffe waren an der Tagesordnung.“
Frankfurter Rundschau vom 6. Aug. 2011 über den Abschlussbericht des Berliner Abgeordnetenhauses zur „Heimerziehung in Berlin - West 1945 - 1975, Ost 1945 -1989“

Peter Wawerzinek & Manfred Niepel sind zur gleichen Zeit gegen Ende der 50er und in den 60-ern Jahren in deutschen Kinderheimen aufgewachsen – nur in verschiedenen Staaten. Heimmitarbeiter in Ost und West waren in dieser Zeit zumeist ohne jegliche Ausbildung. Kinder mussten häufig die Heime wechseln. Statt Hausaufgaben zu erledigen, wurden Heimkinder oft zur Arbeit oder sinnlosen Tätigkeit gezwungen.

Peter Wawerzinek erzählt in seinem Roman „Rabenliebe“ von einem Heimleiter, der die Kinder dazu zwingt, Kieselsteine weiß anzupinseln und den Rasen mit der Schere zu schneiden. Er erzählt von Schwestern, die ihn im Gitterbett festbinden und beschreibt wie der Junge erst spät das Sprechen lernt und wie er als sprachloses Kind – vor lauter Einsamkeit - mit den Bäumen kommuniziert und die Laute der Vögel perfekt nachzuahmen versteht:

„In der Nacht steht der Wald an meinem Bett. Nächtliche Bäume reden auf mich ein. Wir sind vom Wind Bestäubte, wir haben wie du keinen Vater und keine Mutter nicht. Wir schütteln und wir rütteln uns dir zur Freude. Fledermäuse wohnen in unseren Armen. Wir wollen Freund dir sein.“

Manfred Niepel erzählt in seinem autobiographisch inspirierten Roman-Manuskript „Kieselweg“ vom Aufwachsen des kleinen Helms Birkenbluth in verschiedenen Kinderheimen der ehemaligen BRD. In einer Szene beschreibt Manfred Niepel wie der Protagonist bei einem Tausendmeterlauf auf einer steinigen Bahn barfuß läuft und sich dabei die Füße blutig aufreißt, weil er sich keine Turnschuhe leisten konnte.

Beide – sowohl Peter Wawerzinek als auch Manfred Niepel – erzählen von einer Kindheit ohne Familie, Liebe und Geborgenheit. Beide erzählen aber auch davon, wie Heimkinder durch das Aufwachsen im Kollektiv eine soziale Intelligenz entwickeln. Sie haben gelernt sich in Gruppen zu behaupten. Daher können sich Heimkinder oftmals besser in Gruppenstrukturen einfinden oder durchschauen Machtstrukturen in Gemeinschaften wesentlich schneller.

Was haben Heimkinder in dieser Zeit in Ost und West erlebt? Welche Erziehungsmethoden wurden im Nachkriegsdeutschland in den Kinderheimen angewandt ? Welche Unterschiede gab es in Ost und West? Wie sehen die gemeinsamen Erfahrungen aus? Was unterscheidet das Heimkind vom Familienkind? Welche Strategien haben Heimkinder gelernt, um sich in einer Gesellschaft der Familien zu behaupten? Weshalb wurden die menschenunwürdigen Lebensbedingungen vieler Heimkinder in Ost und West erst nach Jahrzehnten öffentlich bekannt? Was hat der "Runde Tisch Heimerziehung" als „Wiedergutmachung“ bis jetzt für die ehemaligen Heimkinder geleistet?

Diesen und weiteren Fragen sollen während der Veranstaltung nachgegangen werden. Peter Wawerzinek und Manfred Niepel haben sich vor 21 Jahren im Literarischen Salon kennen gelernt. „Der Literarische Salon“ von Britta Gansebohm ist ein Begegnungsort für Fragen der Gegenwartsliteratur, der Völkerverständigung und aktueller Gesellschaftsdebatten. Daher versteht sich dieser Abend auch als Einladung, herauszufinden, welche spannenden Bezüge sich ergeben, wenn zwei Künstler mit jeweils künstlerischen Mehrfachbegabungen - ehemalige Heimkinder aus Ost und West - aufeinandertreffen.

Eine Veranstaltung im Rahmen des gemeinnützigen Vereins "Freunde und Förderer des Literarischen Salons e.V.".

 Manfred Niepel
Bild: © Andrea Schumacher
1955 in Schopfheim bei Heidelberg geboren, 1977-82 Studium der freien Kunst (Freie Malerei & Graphik) in Köln. Zahlreiche Ausstellungen, Erfinder der neuen Aktionsform „A TRACT“, gründete die Künstlergruppe Köln 1 und die Gruppe „Machmallala“. In den neunziger Jahren entwickelte Manfred Niepel das ästhetische Konzept „FRESH“. 2004 gründete er die Band „Broken Dishes“. Manfred Niepel ist Mitbegründer des „Literarischen Salons“ und lebt als freischaffender Maler, Musiker, Aktions- und Performancekünstler in Berlin.

Zur Kunst von Manfred Niepel: "Seine Bilder sind ihm ein visuelles Tagebuch. Aus seinem Leben schöpft er "ewige Augenblicke". (...) Jede seiner Arbeiten enthält eine ernste oder ironische Nacherzählung eines erlebten Momentes, dieser kann Gefühl, Geschichte oder Situation, wie der Traum auf einer in der Dämmerung liegenden Terrasse oder das Muster eines Hemdes, getragen von einer vorübergehenden Frau, sein." Cornelius Fischer
Ausstellungen u.a.:
  • 1977 Stadtmuseum Xanten
  • 1980 BBK Hahnentorburg, Köln/ Thema „Heimsuchung“
  • 1980 Ausstellungen u. Aufenthalt in New York
  • 1982 -84 Galerie Anna Friebe /Kunstmarkt Köln
  • 1982 Gründung d. Künstlergruppe Köln 1
  • 1984 Galerie Tanja Grunert
  • 1984 KulturForum in Murnau ( bei München)

 Peter Wawerzinek
Bild: © Julia Baier
Peter Wawerzinek: In Rostock geboren, in Ostseebad Rerik aufgewachsen, in Plauen (Vogtland) Lehre absolviert; 1976 Studium an der Kunsthochschule Weissensee, Textilgestaltung; nach ” Jahren unfreiwilliger Abbruch; von 1978 – 1987 Anstellungen als Tischler, Kraftfahrer, Fließbandarbeiter, Hausmeister, Telegrammbote, Briefträger, Zugkellner, Rampenwart; ab 1. Januar 1988 Versuche einer freiberuflichen Existenz als Zeitungsjournalist, Sänger, Filmemacher, Dramaturg und Schreibender in Berlin; Erste Veröffentlichung NIX, Maas Verlag, 1990; 1991 erste Beteiligung am Bachmann-Wettbewerb.

Preise (Auswahl)
  • 1991 Bertelsmann-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt
  • 1992 Kritikerpreis für Literatur
  • 1994 Hörspielpreis der Akademie der Künste Berlin.
  • 2007 Seeschreiber in St. Wolfgang, Österreich
  • 2010 Bachmann-Preis für das Buch „Rabenliebe“ und Preis des Publikums.
  • 2011 Stadtschreiber in Klagenfurt
  • 2012 Gastprofessor University of Oberin, Cleveland, USA
  • zurzeit Stadtschreiber zu Magdeburg
Wichtigste Bücher:
  • 1990, NIX, Verlag Warnke & Maas
  • 1991, Moppel Schappiks Tätowierungen, UVA
  • 1994, Das Kind das ich war, :Transit Verlag
  • 1999, Das Meer an sich ist weniger, :Transit Verlag
  • 2010, Rabenliebe, Galiani Berlin
  • 2014, Schluckspecht, Galiani Berlin
  • 2015, Ich Dylan Ich, Corvinus Presse (Bildband)
  • 2015, Ich Dylan Ich, Roman, Verlag Wortreich

Moderation: Britta Gansebohm
Freunde und Förderer des Literarischen Salons e.V.
in der Z-BAR
Bergstr. 2, Nähe S-Bahnhof Oranienburger Straße , 10115 Berlin
www.z-bar.de
Eintritt: 7 Euro/ ermäßigt 5 Euro (für Berlin-Ausweisträger & Studenten)
Reservierung: 0175 52 70 777.
oder per Mail: britta.gansebohm@salonkultur.de
Gelaufene Veranstaltung

Donnerstag, 16. Juni 2016 um 20.30 Uhr
in der Z-BAR

Berliner Buchpremiere - Lesung & Gespräch

Erika Kronabitter liest aus ihrem Roman „La Laguna“ (Verlag Wortreich, Mai 2016)


Bild: © Buchcover: Verlag Wortreich
„Hier im Süden sind die Herzen nicht so hart wie im Norden“, schreibt der Vater auf eine Ansichtskarte an Elena. Und dieser Süden ist es, in dem sich die Spuren ihres Vaters Beppo verlieren. Eigentlich hatten sie einen Besuch vereinbart, aber plötzlich gibt es eine Todesmeldung. Ein Roman über verworrene Liebes- und Lebensbeziehungen und ein Ende, das vielleicht kein Ende ist.

Erika Kronabitter erzählt die Geschichte einer jungen Familie im Wien der 1960er Jahre und der Liebe zwischen Hanna und Beppo, die an der Realität des Alltags und den gesellschaftlichen Normen zerbricht.

Als Kind hatte er ihr eine Karte aus Griechenland gesendet mit demselben Wortlaut: „Hier sind die Herzen nicht so hart wie im Norden.“ Damals hatte sie nicht gewusst, was dieser Satz bedeuten sollte. Und Mutter hatte nur eine knappe, kryptische Bemerkung geäußert, die sie nicht verstanden hatte. Erst Jahre später, als junge Erwachsene, hatte sie begriffen, dass die Karte zwar an sie adressiert, ihre Mutter aber gemeint war.

Keine Landpomeranze werden, das ist Hannas einziger Wunsch. Es gelingt ihr, im Wien der ausgehenden 1950er Jahre Fuß zu fassen, eine anständige Arbeit zu bekommen. Und sie lernt Beppo kennen, die große Liebe ihres Lebens. Doch als sie schwanger wird, erfährt sie, dass Beppo bereits verheiratet ist und seine Frau sich weigert, sich scheiden zu lassen. Das Glück der jungen Familie ist ständig bedroht, bis Hanna dem Druck nicht mehr standhält und Beppo verlässt.

Jahre später befindet sich Elena auf dem Weg nach Teneriffa, um das Grab ihres Vaters Beppo zu besuchen. Er war dort elf Jahre zuvor unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Was war im Winter 1986 tatsächlich auf der Insel geschehen? Und was hatte Beppos Freund Larek damit zu tun? Elena erhofft sich von Larek Antworten auf ihre Fragen, doch dann läuft es ganz anders als geplant …

Erika Kronabitter erzählt in diesem autobiografisch inspirierten Roman nicht nur über verworrene Liebes- und Lebensbeziehungen und die Zwänge einer traditionellen Ehe- und Familienmoral, sondern auch eine eigene Version eines bis heute nicht geklärten, rätselhaften Mordfalls.

Ein wunderbar unsentimentales Buch über den Konflikt zwischen Liebe und Freiheit, Verantwortung und Toleranz, und zugleich ein fesselnder Roman über ein mysteriöses Verschwinden.

 Erika Kronabitter
Bild: © Roland Alton
Erika Kronabitter, geboren 1959 in Hartberg/ Steiermark, lebt in Voralberg/ Österreich, Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft, Germanistik/Kunstgeschichte, arbeitet interdisziplinär in den Bereichen Literatur, Malerei, Konzept-, Video-, Fotokunst. Mitglied der Grazer Autorinnen/ Autorenversammlung und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik Leipzig. Herausgeberin der Lyrik-Reihe „Lyrik der Gegenwart“ bei der Edition Art Science. Organisiert seit 10 Jahren den Feldkircher Lyrikpreis, hat den Literaturbahnhof Feldkirch konzipiert. Zahlreiche Veröffentlichungen. Zuletzt: „Der Königin der Poesie. Friederike zum 90. Geburtstag“, Hg., 2014; „Aus Sprache“, Anth. Hg. Erika Kronabitter/Petra Ganglbauer; „So kam der Krieg in den Himmel“, Anth., Hg. Erika Kronabitter, Elisabeth Gassner; „Visuelle Poesie“, Hg. Erika Kronabitter, Günter Vallaster; „Endlich alles richtig“; jeweils 2015. Preise und Stipendien u.a. Preis der SozialMarie, Theodor-Körner-Preis, 1. Preis Prosapreis Brixen-Hall u.a.
www.kronabitter.com
Moderation: Britta Gansebohm
Der Literarische Salon Britta Gansebohm
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Bergstr. 2, Nähe S-Bahnhof Oranienburger Straße , 10115 Berlin
www.z-bar.de
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